Kaiser und Könige auf Kur im
Söller Schwefelbad
Margarethe Maultasch, Friedl mit der leeren Tasche, Sigismund der Münzreiche und andere durchlauchte Herrschaften auf Kur im Bad Lengau. Söller Historisches und Legendäres vom “Badhaus mit dem heilsamp Paadwasser” in Söll / Ried von Jakob Zott

Laut einer Stiftung des Unterkollerbauern wird seit altersher alljährlich am Annatag eine Wallfahrt zur Lengauer-Kapelle in Söll gemacht, die mit einem festlichen Gottesdienst ihren Höhepunkt findet. Die am Südhand des Pölven gelegene Gnadenstätte, die heute manchen Wanderer zur Einkehr und Gebet einlädt, hat aber auch eine geschichtsträchtige Vergangenheit und mit Margarethe Maultasch und Kaiser Heinrich II. einen legendären Hintergrund, weil jene im Bad Lengau ihr müdes und erholungsbedürftiges Haupt ins Strohkissen betteten. Über 500 Jahre zurück lebt diese stolze Geschichte im heute noch vorhandenen Badhaus im Ortsteil Ried zu Söll durch viele Erinnerungsstücke und Einrichtungen fort, wenn dort nur mehr einmal im Jahr das traditionsreiche Badhaustreiben am Annatag lebendig wird.
Auch Margarethe Maultasch fand Erholung
Das Bad Lengau, welches heute im Volksmund als “Badhaus” bezeichnet wird, reicht in seinen Quellen bis ins 14. Jahrhundert zurück und gehörte einst dem stolzen Grafengeschlecht von Andechs. Dieser historische Tatbestand wird durch die Tatsache, daß in diesem Gebiet einst auch die Herrschaft von Thurn (Thunerbauer) einen Besitz innehatte, an den heute noch Reste von Gräbern und Befestigungswällen erinnern, noch bestätigt. Zudem ist das nicht weit entfernte Gut zu Juffing hinlänglich als “Herrenhof” bekannt. Dieser andechsische Herrenhof zu Juffing soll der Landesfürstin Margarethe Mauktasch als Sommersitz gedient haben, von wo auch sie sich gerne zur Kur und Erholung ins nicht weit entfernte Bad Lengau begab. Megrere Gutachten kaiserlicher Hofbäder und “gelahrter Doktores, Professores und Rate des hochen Wesens” konstatierten das heilkräftige Schwefelwasser als “effectum und heilsam”. Vielleicht mag jedoch diese Begutachter der hochherrschaftliche Besuch zum löblichen Urteil verleitet haben, daß das Wasser zu Bad Lengau “wegen der Eisendempfe” ein allumfassendes Heilmittel sei.Laut kaiserlichem Urteil hilft nämlich das “Paadwasser” bei sämtlichen Erkrankungen und Störungen psychischer wie physischer Art, die man sich nur erdenken kann, wie aus dem “Gutachten” von Hofarzt Ferdinandus Carolus Weinhart entnehmen kann und aus dem nur “einige der Würkhungen” herausgegriffen seien:
In Spezie aber khombt solches Wasser zu Hilff:
1. denjenigen, so Bluet ausspeien..die eröffnete Aderlein stopfet, Catarrh stillet, daher es (auch) in angehenter Lunglsucht nützlich kunnt gebrrucht werden.
2. denjenigen aber Weibsbildern. welche den Herfuß oder ihre gewohnliche Monathzeit in großer Menge haben...
3. ...so störket es auch und becröfftiget die von villen Geburten schlechte Mutter... jenen Frauen, welche auf die rechte Zeit die Frucht nit bringen...
4. ...den Löbersüchtigen, daß sy das Bluet noch gebührlich kochet...
5. ...allwo die Gedärm von scharfer Matery aufgeötzt und versehrt worn sint...
6. haillet es alle flissigen Wunden, allerhand Krözen... zertaillet auch das gestockte und gerunnene Geblueth...
7. ...störket es die insonderheit durch gallige Gliedersucht allzusehr geschwöchte Glieder und widerbringt dem ganzen Leib sein voriges Temparamentum...
8. ...letzlichen vertreibt es die Röthe in den Augen und an Gesicht, störket das blöde Gesicht ...kielet ab den ganzen Leib und absonderlich die Nieren...
Klatsch und Erfahrungsaustauch im Danpfbad
Diesen Feststellungen über die vielfältig guten Wirkungen des Badwassers von Lengau fügt er ebenso lustig zu lesende Anordnungen und Ratschläge hinzu, wie man es zum Baden und Trinken gebrauchen soll. Tatsächlich jedoch wurde das Badhaus bis zur Jahrhunderwende stark frequentiert, wie aus einem “Verzeichnis der Badbesuchenden im Lengerbade zu Söll” aus dem Jahre 1852 zu ersehen ist. Die Überlieferung erzählt zudem von regem Besuch “besserer” Schichten aus nah und fern. Das “heilsambe Wasser” lockte viele Erholungsuchende an und animierte die Herrschaften zu einem Urlaub in Söll, wie aus mehreren Briefen und Ansichtskarten des Badhauses hervoegeht. Das heute noch von Schindeln bedeckte Badhaus bot zudem das ideale Versteck für bedesüchtige Damen, denen ansonst aus Sittlichkeitsgründen ein öfffentliches Bad versgt blieb. Hölzerne “Badzubern” und “Schaffel” gaben den Damen viel Gelegenheit zu gesellschaftlichem Klatsch und Erfahrungsaustausch, der im Dampf des heißen Schwefelwassers keusche Rückendeckung fand. Noch während der Kriegsjahre wurde das Bad Lengau von höchsten Persönlichkeiten zum Kuraufenthalt gewählt, und so manch nettes Geschichtschen lebt im Volksmund fort. Manch heute schon ergrautes Mütterlein rühmt sich in bewegter Züchtigkeit vergangener Anstandsregeln, im Lengauer Bade nicht nur Genesung gefunden, sondern aus diesem “ewigen Jungbrunnen” holde Weiblichkeit und Schönheit entnommen zu haben. Bis in die letzten Jahrzehnte war für die “untere Schicht” der heimischen Bevölkerung das Badhaus beliebtes Ziel für Kaffee und Kuchen bei Hochzeiten und Jubiläen, da es wegen seiner idylischen Lage immer wieder zu einer netten Wanderung einlädt.Jahrelang betreut die “Badhaus Rosl” mit ureigenem Schmäh die einkehrenden Gäste und vermittelt ihnen noch immer das gastliche Entgegenkommen vergangener Tradition, als noch ein Kaiser Heinrich II., ein Friedl mit der leeren Tasche oder gar Siegmund der Münzreiche zu den Besuchern des Lengauerbades zählten.
Wallfahrt am Annatag
Nach dem endgültigen Verschwinden der Kur- und Badetradition, an die im neu hinzugebauten Gasthofbetrieb nur noch Badzuber und Kessel erinnern, lebt das Badhaus mit dem Annatag nocheinmal glanzvoll auf. Nach der Wallfahrt und dem Gottesdienst wurde der Tradition gemäß im Badhaus eingekehrt, wo die Musikkapelle zwischen ihrem flotten Spiel ihre obligaten “Würstl” und der Kirchenchor den gewohnten Speck als Entlohnung vorgesetzt bekamen. Heute wird zwar nicht mehr im heißen Dampfbade und heilendem Schwefelwasser die stolze Vergangenheit dieses Badhauses höchster Herren lebendig, sondern erzählt in einem ganz anderen, sinngeänderten “Dampfe” bei einem Besuch viele schöne Geschichten alter Söller Tradiotion, als noch Kaiser, Könige und Gräfinen in Söll auf Kur im Bad zu Lengau weilten.

Heute wird das Badhaus als exzelenter Landgasthof, mit sehr schönen, gemütlichen Zimmern und Appartements von der Familie Küchl betrieben. Die Küche ist mit ihren großteils hauseigenen Produkten weit über die Grenzen bekannt und beliebt.
Auch Sie können sich dort erholen, wo schon Kaiser und Könige urlaub machten.

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